Soll ich mein Islandpferd scheren? Die Vor- und Nachteile einer Pferdeschur

Islandpferd in der Besten Schur

Soll ich mein Pferd scheren? Diese Frage stellen wir Islandpferdebesitzer uns jedes Jahr, wenn die Tage kürzer und die Temperaturen kälter werden. Die Scher-Kritiker sagen: Scheren wir unser Pferd, ­greifen wir in die Thermoregulierung ein. Die Befürworter ­sagen: Ich möchte mein Pferd auch in den kalten Monaten ­trainieren, es schwitzt aber und ist dann so nass, dass das Plüschfell nicht mehr ausreichend wärmen kann.

Wir sagen: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Ihr müsst diese Frage individuell für euch und euer Pferd beantworten und dabei schauen, wie viel Fell euer Pferd hat, welche Haltungsbedingungen vorherrschen (windiger Offenstall oder kuschelige Paddockbox), wie es ­eurem plüschigen Islandpferd im deutschen Winter geht und wie euer Training im Winter aussieht. Und damit es euch leichter fällt zu entscheiden, ob eine Pferdeschur ­angebracht wäre oder nicht, schauen wir uns die ­Themen Thermoregulierung, Scheren und Eindecken ­einmal ­genauer an. Um zu verstehen, was es für unser Pferd bedeutet, wenn es geschoren wird, schauen wir uns an, wie die Thermoregulierung des Pferdes ­funktioniert.

Thermoregulierung beim Pferd: das Zusammenspiel von Haut, Fell, Blutgefäßen und Schweißdrüsen

Zunächst haben wir die Pferdehaut. Sie ­besteht aus mehreren Schichten und stellt nicht zuletzt mit dem Unterhautfett eine isolierende Schicht dar. ­Außerdem hilft die Haut dabei, Körperwärme abzugeben und ein Überhitzen des Pferdes zu verhindern. In der Pferdehaut befinden sich zahlreiche sensorische Nervenzellen, die unterschiedliche Umweltreize wahrnehmen. Unter ­­­anderem befinden sich darunter die sogenannten Thermorezeptoren, die Kälte und ­Wärme­ ­registrieren, ­sodass der Körper ­Prozesse in Gang setzen kann, die ihn ­wärmen oder die ihn ­abkühlen. Registrieren diese Rezeptoren, dass es kalt ist, verlangsamt sich beispielsweise der Herzschlag und die Blutgefäße ziehen sich zusammen. Auf diese Weise wird weniger Blut an die ­Körperoberfläche ­gepumpt, sodass weniger Wärme verloren geht. ­Außerdem bekommen die Haarbalgmuskeln des kuscheligen ­Unterfells den Befehl, dass sie das Haar ­aufstellen sollen. Auf diese Weise entsteht eine ­wärmende Schicht, die das Pferd ­zusätzlich zum eh schon ­vorhandenen Fell warm hält.

Geschorenes Islandpferd im Winter

Die Wohlfühltemperatur von Pferden liegt bei 5 Grad

Das fettige Deckhaar schützt diese Schicht, indem es wasserabweisend wirkt. Wenn es sehr kalt ist, beschleunigt sich der Stoffwechsel und erzeugt so mehr Körperwärme. Hierfür ist es wichtig, dass Pferde bei kalten Temperaturen mehr Raufutter zur Verfügung haben. Wenn dem Pferd zu warm wird, kühlt es sich ­mittels der vorhandenen Schweißdrüsen ab, die Flüssigkeit (Schweiß) produzieren, und es kann außerdem bis zu 20% seiner Körpertemperatur über die Atemluft ­abgeben.

Nasses Fell vermindert die wärmende Wirkung

Das Problem im Winter: Wärme wird überwiegend durch die Muskeln erzeugt und die Wärmeproduktion im ­Training kann bis zu 60 Mal höher sein als in der Ruhephase. Unter dem dicken Pelz staut sich dann die Wärme. Die meisten Islandpferde fangen schneller an zu schwitzen als im Sommer, wo es zwar ­generell warm ist, aber keine zusätzliche Unterwolle als isolierendes Wärmepolster vorhanden ist. Dabei ist nicht das Schwitzen an sich das Problem.

Eine Schur an Brust und Hals verschafft vielen Isländern Erleichterung

Das Problem entsteht, wenn durch den Schweiß die Unterwolle nass wird und beim anschließenden Trocknen das Fell verklebt. Dann nämlich geht die wärmende Wirkung des Fells ­verloren. Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, dass ihr eurem Pferd nach dem Training eine Abschwitzdecke auflegt und ihm so nicht nur bei der Trocknung seines Fells helft, sondern auch verhindert, dass es zu frieren beginnt und gegebenenfalls seine Rückenmuskeln verspannt. Aber, und das ist uns an dieser Stelle wichtig zu sagen, ihr sollt jetzt nicht auf das Wintertraining verzichten! Die Wohlfühltemperatur der Pferde liegt bei 5 Grad, sodass der Winter im Grunde das beste Trainingswetter ist! Es ist nur ­wichtig, dass ihr eure Pferde nicht mit ­klitschnassem Fell zurück in den windigen Offenstall bringt.

Hinzu kommt, dass sich das Schwitzen eh nicht verhindern lässt. Denn nicht wenige unserer Islandpferde ­entwickeln einen so dicken Plüsch, dass sie nicht nur beim Training ins Schwitzen geraten, sondern auch im Herbst und im Frühjahr, wenn die Tagestemperaturen in der Sonne hoch sind. Nicht selten werden im ­Oktober oder im März die 20 Grad geknackt und die Pferde stehen schwitzend auf der Weide oder dem Paddock. Werden eure Pferde auch bei kalten ­Temperaturen so trainiert, dass sie schwitzen, kann es hilfreich sein, zur Schermaschine zu greifen. So schützt ihr euer Pferd vor nassem Fell.

Braucht mein Pferd eine Decke, wenn ich es ­schere?

Für alle Fälle braucht ihr eine gut abschließende Paddockdecke – am besten wasserdicht und atmungsaktiv

Pferdeschur ist nicht gleich Pferdeschur und ­deswegen lässt sich diese Frage auch nicht pauschal beantworten. Je nachdem, wo und wie stark ihr euer Pferd schert, braucht es eine Decke, weil es sich an den geschorenen Stellen nicht ausreichend selbst vor Nässe schützen und wärmen kann. Wird ein Pferd mit langer Doppelmähne am Hals geschoren, hat es aufgrund seines Langhaars immer noch wesentlich mehr Schutz als ein Pferd mit gleicher Schur aber einer kurzen einseitigen Mähne.

Für alle Fälle eine gut abschließende Paddockdecke – am besten wasserdicht und atmungsaktiv. Auch ist es abhängig von der Wetterlage: Regnet es im Winter ­tagelang und weht dann noch ein kühler Wind, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass euer Pferd friert, als an trockenen Sonnentagen. Deswegen empfehlen wir, die Paddockdecke abhängig vom Wetter zu nutzen. Am Ende müsst ihr einfach individuell schauen, wie es ­eurem Pferd geht und ob es eine Decke braucht oder nicht.

Das sind die besten Schermuster

Wie großflächig ihr euer Pferd schert, hängt davon ab, wie stark es schwitzt, wie viel es arbeitet und wie schnell es trocknet bzw welche Möglichkeiten ihr zum ­Trocknen habt.

Die Schermuster 1 bis 5 bauen aufeinander auf. So könnt ihr euch an die Bedürfnisse des Pferdes herantasten und mehr oder weniger scheren. Ihr könnt auch im Laufe des Winters nachscheren und die Schur zum Frühjahr hin vergrößern.

Und noch eine Bitte zur Ästhetik: Das schönste Islandpferd ist immer noch das ungeschorene Pferd in seinem natürlichen Winterfell. Wenn ihr es im Dienste seiner Gesundheit schert, dann achtet bitte darauf, dem Schnitt eine harmonische Form zu geben. Zeichnet euch mit einem Viehmarkierstift oä zuerst die Linienführung der Schur auf und folgt dabei den natürlichen Konturen des Pferdekörpers. Eine gute Schur sollte in jedem Fall dem Gebäude des Pferdes schmeicheln.

Stress beim Scheren

Für viele Pferde bedeutet Scheren Stress und sie ­drehen völlig am Rad, wenn die Schermaschine ansetzt. Hier haben wir gute Erfahrungen damit ­gemacht, wenn die Pferde, die das erste Mal geschoren werden sollen, ­zunächst neben den erfahrenen Pferden am Anbinder stehen und sich an das Geräusch gewöhnen können.

Tipp: Wenn ihr an die Stelle, an der ihr die Schermaschine ansetzt, zuerst eure freie Hand legt, gewöhnen sich die meisten Pferde schnell daran.

Häufig ist es nämlich die Akustik, die die Pferde stresst. Wird sie zu einem Dauerton, verliert sie ihren Schrecken. Und wenn die Pferde es kennen, geschoren zu werden, genießen sie es oft sogar richtig. Wenn euer Pferd aber schon bei Sprühflaschen in Panik gerät, kann es sein, dass es die diffusen Reize, die die Schermaschine und die Sprühflasche setzen, nicht gut verarbeiten kann. Hier kann euch möglicherweise ein Pferdeergotherapeut helfen.

Die erste Schur lohnt sich bei vielen Pferden schon im September

Den richtigen Scher-Zeitpunkt abpassen

Eine Schur ist immer ein Eingriff in die natürliche ­Thermoregulierung. Je früher geschoren wird, desto eher kann das Fell wieder nachwachsen. Deswegen ­bietet es sich an, das erste Mal Anfang Herbst, also im September, zu scheren. Zu diesem Zeitpunkt kann man den Pferden Erleichterung verschaffen, weil es im September und Oktober häufig noch sehr warme Tage gibt. Je nach Dicke des Fells kann dann noch einmal im November und bei Bedarf im Januar und März ­nachgeschoren werden.

Schermaschine kaufen

Unser Tipp für den Kauf einer Schermaschine ist, dass ihr ein Produkt kauft, bei dem die Scherblätter ausgebaut und nachgeschliffen werden können. Wir haben die ­Erfahrung gemacht, dass es sich definitiv lohnt, auf ein hochwertiges Produkt zu setzen, am besten von ­einer Firma, die guten Service bietet. Vielleicht könnt ihr euch ja auch als Stallgemeinschaft ­zusammentun und gemeinsam eine Schermaschine anschaffen. Dann muss niemand allein die gesamten Kosten tragen und alle können profitieren. Auch ist eine regelmäßige Wartung und Pflege wichtig, weil sich bei jeder Schur Pferdehaare und Sand festsetzen und die Scherblätter auf Dauer stumpf werden lassen. Die Einrichtung einer »Scherkasse«, aus der die Wartungskosten bezahlt werden, ist hier besonders praktisch und erhält den Stallfrieden. An dieser Stelle empfehlen wir sehr gerne die Firma Franz Gattinger für ihren hervorragendenden Service und die kompetente Beratung.

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