Der Schritt, die unterschätzte Gangart des Islandpferdes

Pferfekter Schritt bei Islandpferden

Gedanken und Tipps rund um das Thema Schrittreiten von Silvia Ochsenreiter-Egli

Im Schritt werden zahlreiche Mängel der Ausbildung sehr gut sichtbar. Er spiegelt die Qualität des Reitens/Trainings sehr deutlich wider. Probleme im Takt und in der Losgelassenheit des Pferdes lassen sich im Schritt nur schwer verdecken. Eine fehlende Nickbewegung und ein weggedrückter Rücken mit einhergehenden Taktfehlern sind zum Beispiel klar sichtbare Einwirkungsfehler. Wenn es nicht zum schnellen Fortbewegen gezwungen wird, verbringt das Pferd in der freien Natur seine meiste Zeit im Schritt, um auf Nahrungssuche zu gehen. Der Schritt ist Wohlfühlgangart des Pferdes. Dieses Wissen kann man für eine gesunderhaltende und pferdegerechte Ausbildung nutzen.

Woran erkenne ich einen guten Schritt?

Die acht Phasen des Schritts 1. Phase: hinten links hebt ab, Dreibeinstütze 2. Phase: vorne links hebt ab, rechte Zweibeinstütze 3. Phase: hinten links fußt auf, Dreibeinstütze 4. Phase: hinten rechts hebt ab, diagonale Zweibeinstütze 5. Phase: vorne links fußt auf, Dreibeinstütze 6. Phase: vorne rechts hebt ab, linke Zweibeinstütze 7. Phase: hinten rechts fußt auf, Dreibeinstütze 8. Phase: hinten links hebt ab, diagonale Zweibeinstütze.
Heljar der Schritt-Professor
Das Hintergrundwissen aus der Pferdebeurteilung

Die Qualität des Schritts kann man relativ leicht auch an folgenden Kriterien erkennen: Ein guter Schritt hat ausreichend Übertritt und Raumgriff. Raumgriff ist das Ausgreifen der Vorhand nach vorne, welches durch die Winkelung vom Schulterblatt zum Oberarmbein begrenzt wird. Übertritt ist das Ausgreifen der Hinterhand. Bei einem guten Schritt fußt das Pferd mit der Hinterhand etwa ein bis drei Hufbreit über die Spur des gleichseitigen Vorderbeins. Die Spanne des Übertritts hänge zudem davon ab, ob das Pferd eher im Rechteck- oder im Quadratformat steht. Daneben sind verschiedene andere Exterieurmerkmale Ausschlag gebend für die Schrittlängen. Rein nach Übertritt und Raumgriff kann der Schritt deshalb nicht bewertet werden. Selbst Pferde mit starken Taktfehlern können gute Schrittlängen haben.

Im Schritt sollte das Pferd fleißig vorwärts gehen, ohne zu eilen. Für den Bruchteil einer Sekunde bildet das laterale Beinpaar dann ein „V“. Je deutlicher dieses V zu sehen ist, desto besser ist der Schritt. Dies entsteht, wenn das Vorderbein lange genug am Boden bleibt. Es darf erst abfußen, wenn das gleichseitige Hinterbein ankommt. Der Hinterhuf tritt dann über den Abdruck des Vorderhufes. Ein guter Schritt zeichnet sich durch einen klaren Viertakt aus und zeigt keine passartigen oder “zackeligen” (zum Trab verschobenen) Hufabfolgen. Das geht nur, wenn es durch gute “ehrliche” Anlehnung und passende reiterliche Einwirkung ausreichend Last auf die Hinterhand aufnimmt und die Schultern somit frei bewegen kann.

Unterschiedliche Tempi im Schritt

Auch im Schritt können unterschiedliche Tempi geritten werden. Man unterscheidet Mittelschritt – starker Schritt – versammelter Schritt. Schritt wird nicht im Arbeitstempo geritten, da in dieser Gangart immer der deutliche Impuls nach vorne und die Rahmenerweiterung gewünscht ist.

Am Anfang der Ausbildung des Pferdes wird vor allem der Mittelschritt geritten, da sowohl für den starken, als auch für den versammelten Schritt eine langjähriges Training von Pferd und Reiter notwendig ist. Die Versammlung ist zudem der letzte Punkt der Skala der Ausbildung. Im mittleren Tempo ist bereits eine Verstärkung gefordert. Das heißt die Schubkraft der Hinterhand überwiegt die Tragkraft. Das Pferd soll sich im Rahmen erweitern, also Hals und Rücken vermehrt strecken und einen deutlichen Impuls nach vorne zeigen.

Beim starken Schritt sollte eine maximale Rahmenerweiterung vorhanden sein. Das heißt, dass der Hinterhuf deutlich über die Spur des Vorderhufs treten muss und somit die Schritte raumgreifender aber nicht eiliger werden. Die Nickbewegungen des Pferdekopfes werden ebenfalls deutlicher.

Beim versammelten Schritt sollte das Pferd deutlich mehr Last auf die Hinterhand aufnehmen. Die Schritte werden dabei verkürzt und erhabener, aber nicht langsamer. Es ist keine Nickbewegung mehr sichtbar. Das Pferd ist stolz aufgerichtet und geht deutlich durchs Genick. Es darf auf keinen Fall mehr Übertreten.

Wer könnte als besseres Beispiel für Schrittarbeit dienen als Heljar frá Stóra-Hófi?

Heljar ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seinen herausragenden Schritt: Die Note 10 erhielt der 18 jährige Aron Sohn an der FIZO in Wurz 2011 für diese Gangart und auch viele weitere Male am Turnier. Anhand von Heljar wollten wir Schritt und einige Variationsmöglichkeiten genauer betrachten:

Islandpferd im Schritt

Freier Schritt

Hier sehen wir freien Schritt am langen/hingegebenen Zügel. Das Pferd ist nicht in Anlehnung, tritt aber sehr weit unter und dehnt den Hals. Die Hinterhand bleibt lange am Boden und schiebt mehr als sie trägt. Dabei ist Heljar entspannt und losgelassen, die Schultern greifen weit aus. Freier Schritt sollte nur als kurze Belohnung geritten werden. Reitet man zu lange in dieser Haltung, kann das Pferd stolpern und die Vorhand wird überlastet.

Viele Reiter haben im freien Schritt am hingegebenen Zügel das Gefühl, ihr Pferd sei bestens ausbalanciert. Doch wenn das Pferd den Reiter tragen soll ohne Schaden zu nehmen, ist eine gute und gleichmässige Zügelverbindung (Anlehnung) unerlässlich. Nur so wölbt sich der Rücken über die Mobilisation der sogenannten Beugerkette * (treibende Hilfen am Gurt!) korrekt auf und wir können die Tragkraft und Balance des Pferdes durch unsere Einwirkung fördern. Kürzere Sequenzen am hingegeben Zügel schaden keinesfalls und stärken das gegenseitige Vertrauen. Das Pferd kann dies als Belohnung wahrnehmen, muss aber in diesem Moment durch den Reitersitz solide ausbalanciert werden.

Mittelschritt

Nun betrachten wir korrekt gerittenen Mittelschritt in guter Anlehnung bei deutlicher Rückenaufwölbung und fliessender Energie durch den ganzen Körper des Pferdes. Das Pferd ist an den Hilfen, die Oberlinie rund und lang sowie die Nase leicht vor der Senkrechten. Die Hinterhand tritt immer noch sehr deutlich unter, bleibt aber nicht mehr so weit hinter dem Köper am Boden und die Hanken sind etwas mehr gebeugt.

Der Reiter muss aus den lockeren Armen/Schultern elastisch den Bewegungen des Pferdehalses folgen ohne die Verbindung zum Pferdemaul zu verlieren. Der am Gurt liegende Schenkel unterstützt im Moment des Abfussens das jeweilige gleichseitige Hinterbein. Der aufmerksame Reiter kann dies sehr gut fühlen, da der Rumpf des Pferdes zu Gegenseite des nach vorne fussenden Hinterbeines schwingt. So wird die Wade des Reiters vom Pferdebauch im exakt richtigen Moment mitgenommen. Das Pferd holt sich sozusagen die treibenden Hilfen selbst ab.

Tipp: Nicht aktiv an den Pferdebauch klopfen oder zu starken Druck ausüben. Das hemmt das Pferd im Vorwärts und blockiert den Fluss. Genauso fehlerhaft ist ein Ziehen am Zügel welches das gleichseitige Hinterbein ausbremst und die Bewegungen stocken lässt. Zu guter Letzt sollte der Reiter im Becken (der Mittelpositur) so beweglich sein, dass er sich vom Pferderücken mitnehmen lassen kann. Fehlerquelle ist hier ein übertriebenes Mitschieben vor und zurück mit beiden Sitzbeinhöckern. Ein so sitzender Reiter nimmt jedem Pferd den Impuls locker nach vorne an die Hand heran zu treten und sich von hinten nach vorne zu schliessen.

Versammelter Schritt

Hier sehen wir eine erste Annäherung (!) an den sogenannten versammelten Schritt. Dabei darf das Pferd nur noch siegeln, das heisst die Hanken sind vermehrt gebeugt. Somit kann sich das Becken absenken und die Hinterhand bei vermehrter Lastaufnahme dem Pferd ermöglichen, sich aus dem Widerrist heraus stolz aufzurichten. Das Pferd schreitet in gleich bleibendem Viertakt gesetzt und erhaben. Der Erhalt des Fleisses ist dabei sehr wichtig. Versammelter Schritt ist energisch und leichtfüssig. Nicht langsam, schleppend und energielos. Die Schritte werden kürzer, aber dafür höher.

Achtung: Die wenigsten Reiter und Pferde sind in der Lage, korrekt ausgeführten versammelten Schritt zu reiten/gehen. In der Islandpferdereiterei wird vor allem der sogenannte “verkürzte Schritt” genutzt. Das Reiten im verkürzten Schritt, also mit minimalem Raumgewinn aber nicht zwangsläufig versammelt, dient z.B sehr gut dazu Pferde anzutölten oder auf eine Haltparade vorzubereiten. Bitte nicht ohne fachkundige Anleitung mit dem versammelten Schritt “experimentieren”, denn Fehlerquellen mit teils negativen Folgen für das Pferd gibt es zahlreiche:

Manche Reiter versuchen dem Pferd für die Versammlung den Kopf hochzuziehen um es aufzurichten. Dabei sinkt der Widerrist ab und das Pferd geht in absoluter (falscher) Aufrichtung mit weggedrücktem Rücken auf der Vorhand ohne in der Lage zu sein, die Hanken zu beugen und Last aufzunehmen. Bei dieser Art der Einwirkung geht häufig der Takt verloren und die Pferde verspannen sich extrem, werden lateral, ungleich in der Hinterhand und kommen ins Stocken. Wenn das Pferd beim versammelten Schritt den Vorwärtsgedanken verliert und anfängt sich hinter dem Zügel zu verkriechen, sehen wir, dass zwar auf den ersten Blick die Oberlinie rund erscheint, aber ein Pferd, welches ohne aktive Hinterhand mit kurzen Bewegungen und nicht aufgewölbtem Rücken geht. Wird dieses Einrollen durch eine nach hinten wirkende Reiterhand verstärkt, ist diese Art des “Hinter den Zügel Ziehens” in extremer Form als Rollkur bekannt. Beide Arten schaden sowohl kurz- als als auch langfristig der Pferdegesundheit und der Psyche des Pferdes.

Starker Schritt

Beim starken Schritt sind weite, raumgreifende Schritte des Pferdes erwünscht. Zudem soll ein weiteres Vorfußen und Übertreten als im Mittelschritt erfolgen. Die Schrittlänge steht in Abhängigkeit von der naturgegebenen Veranlagung und dem Körperbau des Pferdes. Der Reiter verlängert ohne die Anlehnung aufzugeben das Zügelmaß, um die erforderliche Dehnung zu erzielen. Die natürliche Nickbewegung des Pferdes wird von der Reiterhand zugelassen. In Dressurprüfungen ab Klasse M ist der starke Schritt ein Kriterium. Dies ist sehr anstrengend für das Pferd und sollte deshalb nur auf kurzen Strecken immer in Verbindung mit einem nachfolgenden Herauslassen der Bewegung und Dehnen des Halses geritten werden.

Der starke Schritt sowie der versammelte Schritt werden in den gängigen Islandpferdeprüfungen nicht explizit verlangt. Nur in dem sogenannten “Gæðingafími”, der isländischen Dressurkür, einer Mischung aus anspruchsvollen Lektionen und dem Reiten aller Gänge im Viereck, wird diesen Schrittarten Beachtung geschenkt. Allerdings geht Heljar sehr gerne starken Schritt. Er ist sozusagen seine Paradedisziplin.

Fazit:

Jedes Pferd ist meiner Erfahrung nach in der Lage, taktklaren Schritt mit guter Energie und sauberer Anlehnung zu gehen, wenn sein Reiter Schritt aktiv als Gangart nutzt, in der nicht nur am langen oder hingegebenen Zügel entspannt, sondern auch korrekt gearbeitet wird. Was im Schritt nicht erarbeitet werden kann, wird in allen anderen Gangarten noch viel schwerer zu erreichen sein.

In den nächsten Ausgabe befassen wir uns mit zwei verschiedenen Lektionen im Schritt, die sowohl im Gelände als auch auf dem Reitplatz geritten werden können. Die Durchlässigkeit und Bemuskelung/Gesundheit eures Pferdes wird sich durch gute und kluge Schrittarbeit merklich verbessern und ihr werdet spüren, wie positiv sich dadurch auch die anderen Gangarten beeinflussen lassen! Für Neugierige: hier ein Link zu einem Schrittvideo von Heljar im Februar 2021. Ihr findet es auch auf www.hafnersholt.de

https://vimeo.com/519854067

* Beim Pferd gibt es zum einen die Streckerkette, die sogenannte dorsale Kette oder Oberlinie. Das sind alle Muskeln, die vom Kopf an die gesamte Wirbelsäule strecken. Zum anderen die Beugerkette, die sogenannte ventrale Kette oder Unterlinie. Alle diese Muskeln krümmen oder beugen die Wirbelsäule, am Kopf beginnend. Nur durch eine aktive Beugerkette kann sich der Rücken des Pferdes aufwölben und den Reiter ohne Schaden zu nehmen tragen. Gibt es jedoch Schwachstellen in den Muskelfunktionsketten, dann laufen sozusagen koordinative Notfallprogramme im Organismus ab, und einzelne Glieder der Kette werden überlastet. Was mit Muskelverkrampfungen beginnt, kann auf Dauer negative Folgen für das Pferd haben.

Heljar im Tölt

Silvia Ochsenreiter-Egli hat sich schon von Kindesbeinen an für Tiere und insbesondere für Pferde begeistert. Nach mehreren Praktika in Island, Österreich und der Schweiz arbeitet sie seit 1999 hauptberuflich mit Islandpferden. Silvia kümmert sich auf Hafnersholt mit viel Leidenschaft um Unterricht, Beritt, Zucht und Verkauf. Die 1976 geborene Allgäuerin war Mitglied im Kader Junger Reiter des IPZV und mit ihrem Hengst Blivar von Birkenlund Mitglied im Bundeskader des IPZV (B-Kader). Bayerische, Deutsche, Schweizer und Mitteleuropäische Meistertitel zieren ihre Reitkarriere.

Heljar frá Stóra-Hofi ist das erfolgreichste Pferd im Stall. So wurde er u.a. dreifacher Schweizermeister, sechsfacher Vizemeister, zweifacher Bronzemedaillen Gewinner auf mitteleuropäischen Meisterschaften (alles im Fünfgang und Fünfgangkombination). 2018 konnten Silvia und Heljar auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere den Mitteleuropäischen Meistertitel im Fünfgang und der Fünfgangkombination gewinnen. Sein Schritt ist legendär und wurde mehrfach mit der Note 10 bewertet.

Seit 2013 ist Silvia Mitglied im Schweizer Nationalkader und startete für die Schweiz in Berlin, Herning, Oirschot und wieder Berlin.

Silvia ist IPZV Trainerin B sowie IPVCH Trainer B (anerkannt in der Schweiz).

Silvia ist gehört zum #teamsportsfreund und wird von uns gesponsert. Hier geht es zu ihrem Interview.

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