So lernen Pferde

Mensch in Isländer Herde

Wenn wir unsere Pferde so fein und sportsfreundlich wie nur möglich trainieren wollen, sollten wir uns nicht nur damit beschäftigen, wie Anatomie und Biomechanik des Pferdes funktioniert. Wir sollten uns auch damit beschäftigen, wie Pferde lernen. Denn nur dann können wir unser Training so pferdegerecht und motivierend wie möglich gestalten.

Ein wichtiger Punkt, den wir uns im Umgang mit unseren Pferden immer wieder bewusst machen sollten: Lernen beginnt nicht erst wenn wir im Sattel sitzen. Lernen beginnt bereits beim Betreten des Paddocks!

Der Kommunikationswissenschaftler und Psychologe Paul Watzlawick (1921-2007) hat einst gesagt:
„Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Und genau wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man auch nicht nicht lernen. Kommunikation geht schließlich immer auch mit einem Verhalten und entsprechend mit Lernen einher.

Vidalin kann steigen

Häufig lassen wir diesen Aspekt außen vor, wenn wir mit unseren Pferden zusammen sind. Für viele von uns beginnt das Training mit Betreten der Ovalbahn und endet beim Absitzen. Dass unsere Pferde aber – genau wie wir übrigens auch – permanent und immer lernen, vergessen wir viel zu oft. So kann es leicht passieren, dass sich Verhaltensweisen einstellen, die wir als Unarten bezeichnen und wegen der wir mit unseren Pferden schimpfen. Schaut man aber mal genauer hin, haben wir unserem Pferd mit unserem Verhalten und unseren Reaktionen eben dieses unerwünschte Verhalten (unbewusst) beigebracht.

Wenn wir uns mit dem Lernverhalten von Pferden beschäftigen, haben wir die Möglichkeit unser eigenes Verhalten immer wieder zu hinterfragen und zu optimieren. So können wir besser verstehen, wie (unerwünschtes) Verhalten entsteht, wie wir es verhindern können und auch, wie wir für mehr Motivation im gemeinsamen Training sorgen.

Drei Formen des Lernens

Grundsätzlich lassen sich drei Formen des Lernens unterscheiden:
1. Lernen durch Nachahmung
2. Gewöhnung
3. Lernen durch Konsequenzen

Lernen durch Nachahmung

Beim Lernen durch Nachahmung lernt ein Pferd, indem es sich ein Verhalten bei anderen Pferden abguckt. Ein Fohlen beispielsweise lernt von seiner Mutter. Pferde innerhalb einer Herde lernen voneinander, beispielsweise wie eine automatische Tränke zu bedienen ist.
Pferde lernen durch Beobachten und Nachahmung aber nicht nur Verhaltensweisen. Auch die Stimmung lässt sich übertragen, insbesondere Angst und Stress. Hebt ein Pferd in einer Herde alarmierend den Kopf, sind alle im Hab-Acht-Modus. Dies ist ein für Pferde überlebenswichtiger Instinkt.

Den Aspekt der Stimmungsübertragung sollten wir uns auch im Training immer wieder bewusst machen. Haben wir Angst, überträgt sich diese nicht selten auch auf unser Pferd. Haben wir selbst Spaß und Freude am Training und loben motivierend, steigt auch die Motivation unseres Pferdes. Umgekehrt steigt das Stresslevel des Pferdes, wenn auch wir angespannt und genervt sind. (Über Stress bei Pferden haben wir hier bereits ausführlich berichtet.)

Gewöhnung/Habituation

Marleen Stühler bei der Jungpferdearbeit.

Das Lernen durch Gewöhnung, auch Habituation genannt, bedeutet, dass ein Pferd immer wieder einem Reiz ausgesetzt ist, der keine Folgen mit sich bringt. Das Pferd lernt, dass es auf diesen Reiz nicht reagieren muss und gelassen bleiben kann.

Die Habituation ist ein lebenslanger Lernprozess, der für Pferde sehr wichtig ist. Ein junges Pferd beispielsweise, das keinerlei Erfahrung mit Straßenverkehr hat, wird auf ein vorbeifahrendes Auto vielleicht mit Angst, Stress und Unsicherheit reagieren. Je häufiger dieses Pferd aber von Autos überholt wird und dabei die Erfahrung macht, dass der Reiz im Grunde nichts mit ihm zu tun hat, desto weniger reagiert es darauf. Dieser Lernprozess ist insbesondere für das Fluchttier Pferd wichtig, das seine Energie bewusst und sparsam einsetzt.

Ein weiteres Beispiel für eine klassische Habituation ist das Einsprühen: Das Pferd lernt das Zisch-Geräusch kennen und lernt, dass anschließend Sprühnebel (diffuse Reize) auf den Körper trifft. Es lernt, dass ihm ansonsten nichts weiter passiert und es sich nicht lohnt, unnötig Energie aufzuwenden. Hinweis: Einige Pferde haben Probleme mit der Verarbeitung der diffusen Reize, sie setzen viel Energie ein und reagieren mit starkem Abwehrverhalten. Hier sollte das Pferd vielmehr bei der Verarbeitung der diffusen taktilen Reize unterstützt werden.

Lernen durch Konsequenzen

Das Lernen durch Konsequenzen nimmt im Pferdetraining den größten Part ein. Beim Lernen durch Konsequenzen werden verschiedene Lerntheorien unterschieden, die wir euch im Folgenden etwas näher erläutern wollen.

Klassische Konditionierung

Bei der klassischen Konditionierung werden zwei Reize miteinander verknüpft. Wenn ein Pferd beispielsweise seine Futterschüssel klappern hört, weiß es, dass es etwas zu Fressen gibt. Ein im Grunde neutrales Geräusch wird mit einer (positiven) Erwartungshaltung verbunden. Umgekehrt kann aber auch allein der Anblick des Sattels Stress verursachen, wenn das Pferd diesen mit zum Beispiel Schmerzen verbindet.

Das bekannteste Beispiel der klassischen Konditionierung ist der Pawlowsche Hund. Der russische Forscher Iwan Pawlow hat 1905 in einem Experiment herausgefunden, dass Hunde allein beim Erklingen eines Glockentons zu speicheln beginnen, wenn dieser Glockenton wiederholt kurz vor der Futtergabe zu hören war. Die Hunde lernten, dass auf den akustischen Reiz das Futter folgt (Quelle: Wikipedia).

Operante Konditionierung

Die operante Konditionierung ist das Lernen am Erfolg. Der Name „operant“ kommt daher, dass das Pferd bei dieser Form des Lebens aktiv mit seiner Umwelt kommuniziert und interagiert und durch Konsequenzen lernt. Dabei gibt es für das Pferd zwei Konsequenzen: Belohnung und Strafe.

Positive und negative Verstärkung

Belohnung (= etwas Angenehmes) und Strafe (= etwas Unangenehmes) lassen sich entweder hinzufügen (+/positiv) oder entfernen (-/negativ). So entstehen vier Lernquadranten:

Wird von positiver Verstärkung oder negativer Verstärkung gesprochen, hat dies also erstmal nichts mit gut oder schlecht im Sinne unserer menschlichen Wertvorstellung zu tun. Es handelt sich lediglich um mathematische Größen.

Klassische Trainingssysteme, die sich hier einordnen lassen, sind das Clickertraining und das konventionelle Pferdetraining. Beim Clickertraining wird mit positiver Verstärkung und negativer Strafe (Futter wird hinzugefügt bzw. weggenommen) gearbeitet.

Beim konventionellen Pferdetraining (und das reicht vom Natural Horsemanship bis hin zur Akademischen Reitkunst) arbeitet man mit der Pressure-and-Release-Methode. Hiermit ist das Aufbauen und Nachlassen von Druck gemeint. Wenn wir unsere Pferde beispielsweise longieren, treiben wir sie mit Körper, Stimme und Peitsche in eine schnellere Gangart und sobald wir die entsprechende Reaktion erhalten, lassen wir den Druck nach. Auch beim Reiten treiben wir mit Schenkel und Gerte und hören auf, wenn unser Pferd entsprechend reagiert.

Druck und negative Verstärkung sind also nicht schlecht. Es ist einfach eine andere Form des Trainings als Belohnung und positive Verstärkung. Und egal, nach welchem Trainingssystem man sein Pferd arbeitet: Wichtig sind immer ein durchdachter Trainingsaufbau, ein exaktes Timing und eine korrekte Ausführung der eigenen Hilfen. Andernfalls haben wir ein gestresstes Pferd, das nicht lernen kann. Wir wollen euch das Thema mit einigen Praxisbeispielen etwas näherbringen.

Konventionelles Pferdetraining: negative Verstärkung und positive Strafe

Das klassische Pferdetraining, das sicherlich die meisten von uns kennen und nutzen, setzt auf das Lernkonzept der negativen Verstärkung.

Ihr wollt, dass euer Pferd eine Vorhandwendung macht. Dafür touchiert ihr es mit der Gerte an der Seite. Dieses (leichte) Touchieren ist ein unangenehmer Reiz, dem das Pferd ausweicht. Sobald euer Pferd richtig reagiert und mit der Hinterhand seitwärts tritt, lässt der unangenehme Reiz nach. Euer Pferd lernt, dass der unangenehme Reiz endet, wenn es seitwärts tritt und wird dieses Verhalten in Zukunft öfter zeigen. Irgendwann reicht sogar ein Gertenzeig Richtung Hinterhand und euer Pferd macht eine Vorhandwendung.

Negative Verstärkung im Pferdetraining ist also überhaupt nichts Schlimmes, solange ihre eure Signale so fein wie möglich gebt und das Training so aufbaut, dass euer Pferd die Chance hat zu verstehen, was es machen soll.

Die große Gefahr beim Training mit negativer Verstärkung besteht darin, dass ein Pferd zu einer Reaktion gezwungen wird. Damit wird vertuscht, dass der Trainingsaufbau nicht optimal ist und das Pferd die Aufgabe nicht wie erwünscht auszuführen kann (körperlich oder mental). Denn was passiert, wenn ein Pferd auf den Gertenimpuls nicht wie gewünscht reagiert? Häufig wird der Druck dann so lange sukzessiv erhöht, bis das Pferd entsprechend reagiert. Reagiert das Pferd aber nicht wie gewünscht und bleibt stehen oder weicht nach vorne oder hinten aus, wird im schlimmsten Fall aus dem unangenehmen Reiz (Touchieren) eine positive Strafe: Aus dem Touchieren wird ein Schlagen kombiniert mit einem lauten Schimpfen: „Irgendwann muss der blöde Gaul doch endlich mal seine Haxen bewegen.“

Das Pferd lernt: Weicht es nach vorne oder hinten aus anstatt mit der Hinterhand seitlich zu treten, gibt es Ärger. Also zeigt es das unerwünschte Verhalten (Stehenbleiben, nach vorne Ausweichen) weniger. An dieser Stelle ein Lesetipp: Unser Beitrag „Sportsfreundliches Pferdetraining: mehr Verständnis, weniger Stress“.

Positive Verstärkung: mehr als nur Clickertraining

Bei der positiven Verstärkung wird in den allermeisten Fällen sofort ans Clickertraining gedacht. Dabei heißt positive Verstärkung nichts anderes als: Auf ein gewünschtes Verhalten folgt eine angenehme Konsequenz. Das Pferd merkt, dass sich ein bestimmtes Verhalten lohnt und wird dieses in Zukunft vermutlich häufiger zeigen. Ihr signalisiert eurem Pferd also mit einer für das Pferd angenehmen Rückmeldung, dass es sich richtig verhalten hat. Eine angenehme Rückmeldung muss also nicht zwangsläufig ein Leckerli sein. Angenehme Rückmeldung kann auch eine ausgiebige Krauleinheit sein. Wichtig ist, dass das Pferd die Streicheleinheit auch wirklich genießt und angenehm findet.

Die Verbindung von positiver Verstärkung mit dem Clickertraining hat folgenden Grund: Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass die Zeitspanne zwischen Verhalten und Belohnung maximal drei Sekunden betragen darf, damit ein Pferd die Verknüpfung zwischen Lob und Verhalten noch herstellen kann. Wird diese Zeitspanne überschritten, besteht die Gefahr, dass das Pferd die Belohnung mit etwas anderem verknüpft. Scharrt euer Pferd beispielsweise zwischen dem belohnenswerten Verhalten und dem Rauskramen des Leckerlis aus der Jackentasche, verknüpft es vermutlich das Scharren mit der Belohnung und scharrt in Zukunft öfter. Es hat nämlich gelernt, dass es sich lohnt zu scharren, weil es dafür eine leckere Belohnung gibt. Mehr dazu bei 360 Grad Pferd.

Hier kommt der Clicker ins Spiel: Er markiert mit seinem akustischen Signal die korrekte Verhaltensweise und das Pferd weiß, dass es die Belohnung für Verhalten X und nicht für Verhalten Y bekommt – vorausgesetzt, es wurde vorher entsprechend drauf konditioniert.

Im Unterschied zum Training mit negativer Verstärkung, bei der euer Pferd eher reagiert, ist das Pferd beim Training mit positiver Verstärkung in einer aktiveren Rolle. Bei einer Vorhandwendung mit positiver Verstärkung würde das Pferd mit seiner Hinterhand nicht der Gerte ausweichen, sondern es würde sich zum Beispiel aktiv mit der Hinterhand auf ein Target zubewegen. (Zur Erklärung: Ein Target ist ein Zielobjekt, das es zu berühren gilt.)

Natürlich zeigen Pferde beim Training mit positiver Verstärkung nicht ausschließlich gewünschtes Verhalten. Scharrt euer Pferd beispielsweise mit dem Huf, wird dieses Verhalten aber nicht bestraft, indem beispielsweise geschimpft oder am Strick gezogen wird, sondern es wird einfach ignoriert, indem ihr eurem Pferd beispielsweise den Rücken zudreht und es einfach nicht beachtet. Das Pferd kann sich so keine Belohnung verdienen und lernt, dass es sich nicht lohnt, Energie fürs Scharren aufzuwenden.

Eine Übung, zwei Trainingsansätze: der Spanische Gruß

Ein schönes Beispiel, um euch die Unterschiede zwischen beiden Trainingssystemen zu verdeutlichen, ist der Spanische Gruß bzw. der Spanische Schritt. Beim Spanischen Schritt hebt euer Pferd wechselseitig die Vorderbeine weit und hoch und geht dabei vorwärts. Beim Spanischen Gruß hebt das Pferd die Vorderbeine ebenfalls hoch an, es bleibt dabei aber stehen. Der Spanische Schritt wird meistens aus dem Spanischen Gruß entwickelt.

Wir beschreiben euch den Übungsaufbau einmal konventionell trainiert und einmal mit positiver Verstärkung trainiert. Uns geht es dabei nicht um eine Wertung in gut oder schlecht (siehe oben, positiv und negativ sind lediglich mathematische Größen), wir wollen euch lediglich die unterschiedlichen Herangehensweisen verdeutlichen.

Möglichkeit 1: das konventionelle Training
Wenn ihr den Spanischen Schritt oder den Spanischen Gruß konventionell erarbeiten wollt, dann funktioniert das in der Regel so: Ihr touchiert das Vorderbein eures Pferdes so lange mit der Gerte, bis es sein Bein hebt. Dann hört ihr auf.

Bei sensiblen Pferden funktioniert diese Vorgehensweise meist ganz gut und sie heben auf ein leichtes Touchieren hin ihr Bein. Bei weniger sensiblen Pferden kann es aber sein, dass aus einem leichten Touchieren schnell mal ein starkes Klopfen und ein „nun heb doch aber endlich mal dein Bein“ wird.

Das langfristige Ziel ist, dass ihr irgendwann nicht mehr mit der Gerte touchieren müsst, sondern dass ein Fingerzeig ausreicht, damit euer Pferd sein Bein hebt.

Möglichkeit 2: das Training mit positiver Verstärkung

Beim Training mit positiver Verstärkung kommt neben dem Clicker und Futterlob auch ein Target zum Einsatz. Das Pferd soll mit seinem Vorderfußwurzelgelenk das Target berühren. Das Target kann eine Fliegenklatsche sein, eine Poolnudel oder etwas Vergleichbares.

Hier kann der Trainingsaufbau folgendermaßen aussehen:
Ihr berührt mit eurem Target das Vorderfußwurzelgelenk des Pferdes und clickt. Dies wiederholt ihr ein paar Mal. Anschließend haltet ihr das Target etwas entfernt vom Vorderbein und sobald euer Pferd sein Bein in Richtung Target bewegt, clickt ihr wieder. Dieser Abstand wird Stück für Stück vergrößert. Jedes Mal, wenn euer Pferd das Target mit seinem Vorderbein berührt, gibt es einen Click und Futterlob.

Fazit

Ganz gleich, ob ihr euer Pferd mit positiver Verstärkung oder konventionell mit negativer Verstärkung trainiert: Wichtig ist, dass ihr das Training immer so sportsfreundlich und stressfrei wie möglich gestaltet. Denn nur in einer entspannten Atmosphäre sind Pferde überhaupt in der Lage zu lernen. Wenn ihr euer Training so kleinschrittig wie möglich gestaltet, bietet ihr eurem Pferd die Möglichkeit zu verstehen, was es machen soll. So vermeidet ihr Frust und Stress auf allen Seiten.

 

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